Schnellschuss: Sich selbst lieben

Ein Tweet hat mich zum Nachdenken angeregt:

Liebe hat viele Facetten. Das „sich selbst Lieben“ beginnt dabei mit Nachsicht sich selbst gegenüber. Das bedeutet nicht einfach, sich gehen zu lassen, sondern trotz eigenem Anspruch sich auch einmal Fehler zuzugestehen. Sich selbst ein wenig Imperfektion zu erlauben, zu akzeptieren, dass mensch nicht immer alles richtig machen kann, sogar nach den eigenen Maßstäben. Das bedeutet auch, sich äußerlich zu mögen, zu akzeptieren. Oder wenn nicht, den Arsch in der Hose zu haben, sich selbst so zu verändern, wie mensch sich haben will.

Außerdem kann mensch andere Facetten an sich „gut finden“ – wissen, dass mensch intelligent ist, dass mensch sich artikulieren kann, dass mensch vielleicht mit Tieren gut kommunizieren kann, dass mensch gut einen Baum fällen kann oder welche Fähigkeiten mensch eben hat. Das bedeutet, diese Fähigkeiten und Fertigkeiten erst einmal zu entdecken und sich damit selbst wertschätzen. Dabei ist das keine Abwertung anderer, sondern eine positive Bejahung der eigenen Selbstheit. Dann kann auch eine positive Akzeptanz anderer geschehen, die andere Qualitäten vorweisen.

Ein Philosoph als Alarmanlage

Philosopher

Habt ihr eine Alarmanlage zu Hause? Oder im Büro? Was meint ihr, wäre ein Philosoph vielleicht effektiver? Ein gutes Indiz führt diese kurze Szene vor Augen: Einbruch in einen Safe, doch der Philosoph diskutiert mit den Einbrechern erstmal ihre moralischen Berechtigungen und ihr Wertesystem. Am Ende bleibt er der Sieger.

Die Arbeitskraft der Frauen

In einer Diskussion merkt man schnell, von welchen Voraussetzungen ausgegangen wird und wie sie als notwendig hingenommen werden. Wenn Frauen als „ökonomisches Risiko“ verstanden werden, so wird das mit der Natur der Frau begründet. Es könne ja niemand etwas dafür. Dass es eine wirtschaftspolitische Entscheidung ist, das so hinzunehmen, erschließt sich vielen gar nicht. Man kann die Natur der Schwangerschaft anerkennen und dann fragen, wie man Frauen dennoch ökonomisch fair behandeln kann. Statt sie aufgrund unverschuldeter Gegebenheiten zu benachteiligen, kann man sie als wichtigen Gesellschaftsfaktor betrachten.

Selbst wenn man von einer rationalen Nutzenökonomik ausgeht, die nur auf Umsatz- und Gewinnmaximierung ausgerichtet ist, sind die Einflüsse von Frauen in Unternehmen in verschiedenen Positionen, auch und gerade in Führungspositionen, erheblich und hilfreich.

Philosophisch gleicht diese Hinnahme der vermeintlichen Nachteile der Frauen (die Akzeptanz ihrer „Natur“) einem Sein-Sollen-Fehlschluss, den George Edward Moore vielen naturalistischen Theorien attestierte. Deshalb auch naturalistischer Fehlschluss (korrekter: naturalistischer Irrtum, von: natural fallacy) genannt. Aus der Faktizität bestimmer Umstände wird geschlossen, dass es auch gut und richtig so sei und ein wünschenswerter Zustand oder falsch und deshalb etwas geändert werden müsse. Auch David Hume hatte schon darauf hingewiesen, dass man aus einem gegebenen Zustand (ohne zusätzliche Prämissen) nicht auf ein moralisches Gebot oder Verbot schließen dürfe.

Die wertende Prämisse, warum man Frauen jetzt ob ihrer Schwangerschaft berechtigterweise benachteiligen darf, wird unterschlagen. Nach welcher Prämisse darf das so passieren? Aber was komme ich schon mit der Philosophie, als ob sich die Ökonomen dafür interessieren…

Das Problem der Unparteilichkeit der Politik

Gestern hatte ich eine sehr interessante Diskussion mit einem bisher Unbekannten. Wir unterhielten uns durch den Zufall der weltlichen Interaktionen zusammengeführt über Philosophie, Platos Staatslehre, aktuelle Politik und die Probleme, die sich ergeben. Er war ein recht junger Mann, 21 Jahre, und wünschte sich im Grunde für die politisch aktiven Menschen, dass sie (a) philosophisch gebildet, (b) moralisch integer und (c) zusammen die Geschicke der Welt leiten, aber in keiner Weise davon profitieren können. Ihm war – verständlicherweise – Unparteilichkeit ein großes Anliegen, da es ein allgemeines Problem ist, dass Politiker/innen häufig direkt von ihren Entscheidungen profitieren. Sei es durch Verwandte und Freunde, die dadurch in ihrem Beruf erfolgreicher sind, oder durch Entscheidungen, die ihnen in der Branche, in der sie später tätig werden, helfen.

Abgesehen von grundsätzlichen Problemen, dass nur Philosophen berechtigt sein sollen, an einer Regierung teilzuhaben – das müsste eine Diskussion der platonischen Philosophie werden – halte ich die Unparteilichkeit ebenfalls für ein Problem. Die menschliche Wahrnehmung hindert uns daran, Dinge außerhalb unseres Blickradius in den Fokus zu rücken. So würde zwar die Unparteilichkeit von Politiker/innen sicherstellen, dass die Menschen nicht egoistisch entscheiden, jedoch ergäbe sich dadurch das Problem, dass sie auch die Sorgen und Lebenswelten der anderen Menschen nicht im Blick hätten. Sie würden das Leben der Töpfer, Schuhmacher, Rechtsanwälte, Musiker, Gartenpfleger, Ärzte, Krankenschwestern und vielen anderen mehr gar nicht mehr kennen und könnten so gar nicht berücksichtigen, was sinnvoll und hinnehmbar wäre. Zudem wäre dadurch, dass diese Menschen nicht betroffen wären, der Kaltherzigkeit Vorschub geleistet. Selbst kluge und moralisch integre Menschen können Entscheidungen treffen, die nur technokratisch und ohne Rücksicht auf das Leben anderer Menschen sind.

Dies ist vergleichbar mit dem – wie ich es nenne – Soziologendilemma. Soziologen/innen werden nach einigen Schulen dazu aufgefordert, Gesellschaften und Kulturen nur von außen zu betrachten und zu beschreiben. Dieser Ansatz soll sicherstellen, dass sie nicht durch ihre Interaktion die Beschreibung verfälschen oder gar die Gesellschaft verändern. Es gilt der Anspruch der Objektivität. Allerdings gibt es andere Schulen, die diese Idee verwerfen und postulieren, bestimmte Aspekte einer Gesellschaft könnten nur von innen heraus beobachtet werden. Das bedeutet für die Soziologen/innen, dass sie zwingend in die Gesellschaft eindringen müssen, statt nur zu beobachten. Jürgen Habermas stellt sogar fest, dass wir immer Teil irgendeiner Gesellschaft sind und daher gar nicht objektiv beobachten könnten. Ein Soziologe, der glaubte, eine Gesellschaft beobachten zu können, ohne mit ihr zu interagieren, sei eine Fehlannahme. (Wenn ich mich recht entsinne stammt diese Aussage aus Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus, ich kann mich allerdings auch irren.) Insofern muss der/die Soziologe/in Teil der Gesellschaft sein, allerdings muss er von seiner eigenen Position so weit wie möglich abstrahieren können.

Natürlich sind auch Parteilichkeit, Lobbyismus und Vetternwirtschaft ein großes Problem der aktuellen Politik überall auf der Welt. Grundsätzlich wäre es gut, wenn dies einen weiteren Rückgang erfahren würde. Auf der anderen Seite sollten wir beachten, dass Menschen Menschen bleiben dürfen und mit der Gesellschaft verflochten bleiben. Einerseits, um ihnen Menschlichkeit zuzugestehen, andererseits, um kaltherzige, uninformierte Entscheidungen zu verhindern.

Von Quantenmechanik und dem Rand der Erkenntnis

In diesem Blog geht es ja häufiger um Soziologie, Philosophie, Kulturtheorie und Medienkultur, doch auch andere wissenschaftliche Themen faszinieren mich immer wieder. Seit über einem Jahr bin ich wieder an der Astrophysik dran, die einerseits Florian Freistetter in seinem Blog Astrodicticum Simplex und andererseits Harald Lesch sehr anschaulich darstellen und erklären. Letzterer nun hat in der Reihe Urknall, Weltall und das Leben einige Vorträge gehalten, die sich mit spannenden Themen unseres Weltalls beschäftigen. Besonders spannend sind sie deshalb, weil sie die Grundlagen unserer Materie und unseres Weltverständnisses berühren.

Im ersten Vortrag erklärt Lesch die Quantenmechanik, die im Gegensatz zur klassischen Physik anders funktioniert. Unbestimmtheit ist ein Grundsatz. Aber selbst wenn mensch schon ein wenig Vorbildung genossen hat, gibt Leschs Darstellung immer noch neue Einblicke über die kleinsten Teile der Materie und deren Funktionsweise. Vor allem aber werden auch die Probleme angesprochen, die sich daraus ergeben.

Der zweite Vortrag, den ich empfehlen möchte, ist einer über die Grenzen der Erkenntnis. Auch hier spielt die Quantenmechanik eine zentrale Rolle, jedoch geht es auch um die Grand Unified Theory, also die Theorie der vereinigten physikalischen Kräfte. Diese ist bisher absolut nicht in Sicht, es sind noch zu viele Fragen offen, jedoch sind einige Wissenschaftler mit der Vereinigung von Elektromagnetischen Kräften und Schwacher Kernkraft auf dem Weg dorthin.

Warum spielt das eine Rolle? Lesch erläutert, dass wir verstehen wollen, wie die Geschichte des Universums verlaufen ist und wie seine Grundlagen sind. Da es um Extremzustände von Materie geht (Elektromagnetismus und schwache Kernkraft nähern sich in der Wirkung unter bestimmten Temperaturen an) und der Beginn des Universums ein Extremzustand gewesen sein muss, helfen uns Einblicke in diese Physik, unsere Welt und unser Universum besser zu verstehen.

Auf Nebenschauplätzen spricht Lesch über die „Körnigkeit“ des Raums (also die kleinste, physikalisch sinnvolle Raumeinheit) oder der Zeit, über die Relativitätstheorie und vieles mehr, was sich mithilfe seiner Verbindungen zu einem großen Ganzen zusammenfügt. Wer sich also dafür interessiert, sollte unbedingt reinschauen!

Das Phänomen der Bullshit-Jobs

Mein erster Beitrag im Jahr 2016 hier soll einerseits endlich mal das längere Bloggen wieder einführen, sofern ich es schaffe. Zum zweiten soll er sich einem Thema widmen, das ich noch aus dem alten Jahr mitgenommen habe, das mich dort lange beschäftigt hat und das ich bis heute ständig durchdenke. Es gewinnt immer weiter an Aktualität und wird von verschiedenen Trends flankiert.

David Graeber ist ein Anarchist, der aber gleichzeitig wissenschaftliche Kulturanthropologie, Soziologie, Philosophie sowie ökonomische Theorie betreibt. Zumindest irgendwas dazwischen. Mit seinem Buch Schulden, die ersten 5000 Jahre (KEIN Affiliate Link) bin ich noch nicht ganz fertig, doch es beschäftigt sich mit der Frage, inwieweit Schulden mehr sind als ein System, um Zahlungsfähigkeit in einem kapitalistischen System herzustellen. Graeber versucht vielmehr herauszuarbeiten, wie Schulden immer wieder als Herrschaftsinstrument gebraucht wurden und es auch noch heute so ist.

Weiterhin hat er aber auch noch ein anderes Thema, an dem er arbeitet: Arbeitskraft, ein klassisches Thema der kritischen ökonomischen Theorie nach den Kommunisten, Sozialisten, Syndikalisten und Anarchisten des 19. Jahrhunderts. Dabei postuliert Graeber, dass unsere heutige Produktivität allein ausreichen würde, dass wir deutlich weniger arbeiten müssen. Wir könnten uns viel mehr mit Kultur und Kunst beschäftigen, wir haben darauf hingearbeitet – und doch arbeiten wir gar nicht weniger, sondern z.T. mehr. Das sollte gerade im Kapitalismus eigentlich nicht passieren, denn eigentlich sollte dieser immer mehr Effizienz anstreben und Angestellte entlassen, die für die Produktion (oder sonstige Prozesse) nicht mehr notwendig sind.

Zudem analysiert Graeber, dass eine Menge der Jobs, die geschaffen wurden, nicht wirklich notwendig sind. Natürlich nicht vom hohen Ross eines Akademikers aus, sondern soweit seine Erfahrung reicht, haben viele Menschen selbst das Gefühl, ihr Job sei unnötig. Ja, es geht sogar um das Gefühl, dass die Menschen glauben, ihre Arbeitsstelle sollte gar nicht existieren. Das ist natürlich hartes Brot.

Natürlich bietet er dafür Gründe an, die kann mensch hier in einem Aufsatz im Strikemag angedeutet nachlesen. Ich möchte aber hinzufügen, dass die Entwicklung auch damit zu tun hat, dass die Idee eines sinnvollen Lebens lange Zeit schon mit dem der Arbeitstätigkeit verbunden ist. Einerseits Erwerbsarbeit, die den Lebensunterhalt sichert, und andererseits einfach Tätigkeit als Gegensatz von Untätigkeit. Der handelnde Mensch wird als guter Mensch wahrgenommen.
Daraus resultiert aber auch die Einrichtung der Gesellschaft: Um einen ehrenvollen Platz darin zu ergattern, erwarten die meisten Menschen, dass jemand arbeitet, der/die es auch leisten kann. Der Lebensunterhalt darf nicht einfach so hingenommen werden, er muss im Schweiße des Angesichts erarbeitet werden. Wir kennen keine gesellschaftliche Ordnung, in der Arbeit nicht die tägliche Beschäftigung ist. Und wenn sie nicht selbst gewollt ist, sondern ein Mensch sich Befehlen unterordnet und Opfer bringt, wird dies z.T. sogar noch als ehrenvoller angesehen. Menschen, die mit etwas Geld verdienen, was ihnen Spaß macht, sei es Kunst oder Kultur, werden zwar verehrt, aber es wird nicht als Arbeit wahrgenommen. Es wird von Teilen der Menschen nicht einmal als mühevoll wahrgenommen.

Graeber analysiert dies also als eines der Probleme der modernen postindustriellen Gesellschaften, doch bietet er keine Lösung. Dies fehlt mir, doch ich hoffe auf weiteren Input – Ideen wie das bedingungslose Grundeinkommen könnten ein Lösungsansatz sein.

Das Wissen über das christliche Abendland

Zum Thema „Religion“ und „christliches Abendland“ mal eine kleine Anekdote aus meinem Philosophiestudium:

Es begab sich im Jahre 2011, dass ich ein Seminar in Religionsphilosophie besuchen sollte. Neben mir als Master-Student und einem Master in Cultural Engineering bewegten sich in diesem Seminar nur Studentinnen für das Fach Philosophie/Ethik, ebenfalls schon im Master-Studium. Wir befassten uns hauptsächlich mit den monotheistischen Religionen, darauf war das Seminar ausgelegt. Der Dozent war ein Judaistik-Spezialist.

Von den Feinheiten möchte ich nicht sprechen, es haperte schon gleich anfangs an grundlegendem Wissen. Weder die Anordnung der Bücher der Bibel, noch einzelne Episoden waren bekannt. Das Begriffspaar Apokryphe Schriften waren gleich gänzlich unbekannt, geschweige denn der Inhalt dieser Schriften. Dass Lilith in aramäischen Legenden ebenfalls eine Rolle bei der Schaffung der Welt spielte, neben Adam, war neu. Dass es Evangelien gibt, die eine andere Geschichte über Jesus erzählen, schien ebenfalls überraschend. Verschiedene Strömungen des Christentums (die Christentümer) waren ebenso unbekannt wie das Wort „Sure“, das eine Predigt von Mohammed im Koran bezeichnet. Auch Begriffe wie Tora, Talmud oder Tanach mussten in ganzen Sitzungen erklärt werden.

Das schreibe ich hier nicht, um meine Überlegenheit darzustellen, um die Dummheit von Studenten/innen herauszustellen oder Kulturpessimismus zu betreiben. Der einzige Punkt dieses Textes soll es sein darzustellen, wie schlecht es um das Wissen der meisten Menschen bezüglich der meisten Religionen bestellt ist. Es scheint bigott, von der Verteidigung des „christlichen Abendlandes“ zu sprechen, wenn nicht einmal Menschen, die später den Kindern in der Schule Wissen über Religion beibringen sollen, auch nur ansatzweise darüber bescheid wissen.

Wenn jetzt jemand behauptet, dies sei ein zu kleiner Ausschnitt und vielleicht hätte ich einfach eine schlecht unterrichtete Gruppe von Studentinnen erwischt, gehe der- oder diejenige einfach einmal auf die Straße und befrage Menschen zu ihrem Wissen über Religionen. Und lasse sich dabei gehörig überraschen.