Welche Bedeutung trägt die Figur „Conchita Wurst“?

Das Phänomen der Conchita Wurst wird öffentlich sehr breit diskutiert, verschiedene Interessengruppen sprechen in ihrem eigenen Interesse von und über Wurst und die verschiedensten Kontexte und Kriterien werden angelegt. Bei all dem beschleicht mich aber immer wieder das Gefühl, dass immer nur Teile ihrer Bedeutung herausgehoben und angerissen werden, jedoch kein Gesamtbild versucht wird. Das wäre allerdings für eine Bewertung in den verschiedenen Kontexten von größter Bedeutung! Daher möchte ich mich daran versuchen, denn Befürworter und „Fans“ des Phänomens genauso wie Gegner oder Ignoranten scheinen mir vieles zu vergessen und kommen daher zu ihren (unschlüssigen) Argumenten.

Warum unschlüssig?

Unschlüssig ist ein Schluss dann, wenn die Prämissen nicht vollständig oder nicht wahr sind, aber dennoch ein Schluss gezogen wird. Dieser mag falsch oder richtig sein, aber formal ist er abzulehnen. Es geht mir darum, dass ein Schluss aus den richtigen Gründen gezogen wird, nicht aus einer Laune oder einem Vorurteil heraus. Auch wenn positive Vorurteile bzw. Emotionen („Mir sind die Transvestiten einfach sympathisch mit ihrer positiven Art“) nicht destruktiv sind, können sie kein gesellschaftspolitisches Kriterium für die Bewertung von Phänomenen sein. Dazu ist der Subjektivitätsfaktor einfach zu hoch. Wie Subjektivität in öffentlichen Diskussionen zu bewerten und behandeln ist, kann ich hier nicht in der Tiefe diskutieren, das müsste ein eigener Eintrag werden. Ich lehne starke Subjektivität jedoch erst einmal ab und bitte den geneigten Leser, mir hierin erst einmal zu folgen.

Überblick

In der Diskussion um Conchita Wurst gibt es verschiedene Positionen. Da sind (1) die schon erwähnten Sympathisanten, die ein Herz für positive Lebensentwürfe, für individuelle Menschen oder einfach für das Extrovertierte haben.
Weiterhin zeigen sich (2) die Befürworter, die ein gesellschaftliches Statement für Toleranz und Individualität für wichtig halten.
Auf einer anderen Position haben wir (3) die Gegner, die grundweg homophob sind oder intolerant.
Da gibt es (4) die, die für Toleranz stehen wollen aus einer ethischen Überzeugung heraus, jedoch durch soziokulturelle Prägung eine Irritation erleben. Diese Irritation führt zu Unbehagen und daher Ablehnung.
Außerdem haben wir (5) die Gegner, die beim Eurovision Song Contest keine gesellschaftspolitischen Einflüsse mögen, sondern es für einen reinen Gesangs- bzw. Kompositionswettbewerb halten. Alle diese Gruppen haben z.T. starke subjektive Vorprägungen und ziehen Schlüsse, die unzulässig sind.
Abgesehen von all den Gruppen gibt es einen Faktor, den ich „Exklusion durch Inklusion“ nenne. Er bezeichnet einen Mechanismus von Medien, gerade Massenmedien und soll in einem gesonderten Absatz herausgearbeitet werden. Dies alles zu ordnen und eine Annäherung an Gesamtbewertung vorzunehmen, soll Ziel dieses Textes sein.

Sympathisanten mit Herz für Individualität (1)

Conchita WurstDiese Gruppe ist eine sehr einfach zu handhabende, da sie keine starke Aggression verbreitet oder ähnliches. Doch wie bereits in der Vorrede erwähnt, ist die Grundlage ihrer Bewertung eine sehr subjektive. Aus der Sympathie für individuelle Lebensentwürfe folgt keine gesellschaftspolitische Relevanz oder positive Bewertung des Phänomens Conchita Wurst. Dies ist ein Grundsatz der philosophischen Ethik seit jeher: Aus der Existenz von etwas kann nicht allein auf seine Richtigkeit geschlossen werden. Dafür muss es eine zusätzliche normative Prämisse geben, die hier nicht gegeben ist.

Die reflektierten unter den Befürwortern führen die normative Prämisse ins Feld, ein positives Weltbild (das der Wurst) sei immerhin niemandem schädlich und füge der Welt Glück hinzu. Es ist also ein pragmatisches, funktionales und utilitaristisches Argument. Doch dabei wird vergessen, dass dies anders eingestellten Leuten, die dies als Weltvergessenheit (über die positive Einstellung werden die Probleme der Menschheit ignoriert) deuten, kein Glück daraus entsteht. Sie sind vielmehr verärgert darüber. Die Menge der Gegner ist auch signifikant, deshalb ist die Menge an Glück auch vermutlich nicht so hoch wie von Sympathisanten (1) erwartet. Nun folgt noch (a) das grundsätzliche utilitaristische Problem, wie Glück überhaupt quantifiziert werden kann, und (b) die Menge derer, die vom positiven Weltbild Nutzen tragen, und die Menge derer, die dadurch weniger Glück haben, weil sie verärgert sind, kaum valide beziffert werden kann.

Aus diesen Überlegungen heraus scheint mir eine Sympathie mit positiven Lebensentwürfen und Individualität durchaus nett, jedoch für eine gesellschaftspolitische Bewertung kaum hinreichend.

Befürworter eines Statements für Toleranz (2)

Den Mitgliedern dieser Gruppe ist eine sozio-ethische Komponente, das Einstehen dafür und auch die öffentliche Kommunikation dessen sehr wichtig. Darin sind sie einerseits starke Opponenten der Gruppe der Homophoben und Intoleranten (3) und zudem der Ignoranten, die den Eurovision Song Contest nicht mit gesellschaftspolitischen Themen vermischt sehen wollen (5). Mit ihrem Anliegen sind sie häufig die reflektiertesten Teilnehmer der Diskussion, da sie die Positionen der anderen Gruppen größtenteils überblicken. Doch auch sie können verschiedene Aspekte vergessen oder missachten:

Der Sieg der Conchita Wurst beim ESC hat verschiedene Faktoren. Es bedeutet nicht automatisch, dass „Europa tolerant“ ist, sondern die Wähler beim ESC Gründe hatten, sich für Wurst zu entscheiden. Das kann verschiedene Gründe haben:

  • Statement für Toleranz (seitens des Wählers)
  • Sensationslust
  • subjektive Bewertung der musikalischen Leistung (was tatsächliche Toleranz beinhaltet; d.h. nämlich, dass von der Erscheinung der performanten Entität abgesehen wird)
  • Mangel einer besseren Alternative

Es ergibt sich also das Problem, dass wir gar nicht wissen, ob (a) die richtigen Gründe und damit ein Statement für Toleranz vorliegt. Wir kennen nicht nur die Gründe der einzelnen Wähler nicht, sondern wir haben (b) auch eine sehr starke Auswahl an Teilnehmern an der Wahl: Einerseits sind es Fernsehzuschauer in Europa, daraus die Menge derer, die den ESC – in irgendeiner Weise – interessant finden, daraus die Menge derer, die ein Telefon oder einen Computer besitzen, um zu wählen, und daraus noch die Menge derer, die sich tatsächlich an der Wahl beteiligen. Es ist leicht ersichtlich, wie stark die Eingrenzung derer ist, die ein vermeintliches Statement für Toleranz abgegeben haben sollen. Auch die Zielgruppe der ESC-Zuschauer ist zumindest erwartbar für Phänomene wie transvestitische TeilnehmerInnen empfänglicher als die CDU-Ortsgruppe. Eine gewisse Weltoffenheit darf man dem Zielpublikum wohl im Durchschnitt unterstellen. Die, die also nicht so weltoffen sind, die nicht unbedingt an Sensation interessiert sind, die sich nicht ausreichend dafür begeistern können, fallen schon aus der Wertung. Vielleicht fallen sie schon allein deshalb aus der Wertung, weil sie sich aufgrund der Teilnahme von Conchita Wurst dagegen entschieden haben, den Wettstreit anzuschauen oder zu wählen. Deren Motto wäre: „Wenn solch eine Figur zugelassen wird, boykottiere ich die Übertragung/die Wahlbeteiligung!“ Somit verengt sich die Zielgruppe weiter, weshalb ein vermeintliches Statement für Toleranz durchaus in Frage gestellt werden kann. Man könnte lediglich behaupten, die Toleranten hätten sich für Toleranz ausgesprochen, denn dies ist durchaus der Fall. Man darf auch behaupten, dass wohl viele der Zuschauer des ESC tolerant sind. Aber ob dies die Mehrheit der Zuschauer ist, lässt sich so schnell gar nicht sagen, weil die Abbildung der stummen Gruppe fehlt. Der Rückschluss auf Gesamt-Europa ist wohl gleich unzulässig.

Vertreter der Toleranz-Ansatzes verweisen zwar mit Recht auf die selbstgewählte, postulierte Aufgabe und das Ideal des ESC, die Völker in Europa zu verbinden, was tatsächlich auch sozio-ethische Implikationen der Toleranz nach sich zieht. Das halten sie der Gruppe der Gegner gesellschaftspolitischer Einflüsse (5) entgegen. Doch zugleich ist die schöne Idee korrumpiert von kommerziellen Interessen, sei es seitens der Sponsoren oder auch der teilnehmenden Länder, die auch immer touristisch werben. Zudem ist eine Marginalisierung des musikalischen Aspektes, den die Gruppe (5) zu Recht anführt, unzulässig. Wenn man diesen Aspekt nämlich für vernachlässigbar hält, ist der ESC eine sehr unredliche Veranstaltung. Wenn Musik nur als Mittel gebraucht wird, um politische oder andere Aussagen zu verbreiten, anstatt dass die Musik auch ihren eigenen Zweck hat, kann man durchaus von Missbrauch sprechen. Dies wäre Verschleierung des eigentlichen Zwecks.

Das bedeutet für mich: Da ich an eine vollständige Korruption des Wettbewerbs durch Kommerz und Politik nicht glauben mag – einen rechten Nachweis dessen muss ich leider schuldig bleiben –, ist es wichtig für die Gruppe (2), auch die musikalischen Aspekte einzubeziehen und nicht nur die politische Dimension zu bewerten.

Homophobie & Intoleranz (3)

Die Vertreter dieser Gruppe sind Gegner der Aufweichung der Geschlechterrollen und traditioneller Gesellschaftsformen. Sie sind nicht zu verwechseln mit der Gruppe (4), auf die ich gleich noch zu sprechen komme. Allerdings können die Grenzen manchmal fließend sein, der Bewusstheitsgrad der eigenen Homophobie variiert und auch das Verhältnis zwischen rationalen und emotionalen Ansätzen kann stark differieren. Das bedeutet: Homophobie kann einen sehr stark emotionalen Hintergrund haben, aber nicht rational reflektiert sein. Man kann sich auch rational der Anforderungen der Gesellschaft bewusst sein, sich tolerant zu verhalten, aber eine diffuse emotionale Überzeugung gegen LGBT (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender) oder auch „Queer“ haben. Darunter gibt es auch strategische Tolerante, die öffentlich nie zu ihrer Intoleranz gegenüber LGBT/Queer stehen würden, weil sie gesellschaftliche Nachteile fürchten. Diese sind aber nicht diffus emotional eingestellt, sondern felsenfest von der „Falschheit“ der LGBT-Lebensweisen überzeugt.

Diese Gruppe fürchtet eine Überhandnahme der Geschlechtermuster, die bisher als „abweichend“ gelten. Sie fürchten eine eigene Marginalisierung, eine Benachteiligung wegen der eigenen sexuellen Interessen. Eine typische Aussage für Vertreter dieser Gruppe ist, dass jemand fürchtet, sie oder er müsse sich für Heterosexualität irgendwann rechtfertigen. Das ist jedoch eine sehr irrationale Angst, denn kein LGBTler würde einen heterosexuellen Cisgender-Menschen diskriminieren wollen oder ihn dazu zwingen, sich für Heterosexualität zu rechtfertigen. Man darf mithin eine Projektion der Intoleranten annehmen: Aus der bisherigen Abwertung der LGBT-Lebensweisen folgt eine zukünftige Abwertung und damit „Bedrohung“ der heterosexuellen Cisgender-Lebensweise. Doch dies ist gar nicht das Ziel, sondern vielmehr eine Gleichberechtigung.

Allerdings kommt hier auch eine mögliche hierarchische Denkstruktur ins Spiel: Offensichtlich können sich diese Menschen kaum vorstellen, dass es nicht die eine „richtige“ und dominierende Lebensweise gibt, sondern mehrere gleichberechtigte nebeneinander, die sich nicht gegenseitig bedrohen. Für diese Menschen muss es immer eine Hierarchie geben, immer „das Richtige“.

Nun wehren sich diese Homophoben & Intoleranten gegen eine vermeintliche Höherstellung und Aufwertung der LGBT-Lebensweisen durch den Sieg von Conchita Wurst – aus eben genannter Angst vor eigener Abwertung. Oder aus der Überzeugung heraus, diese Lebensweise sei grundfalsch. Doch der Sieg bedeutet eigentlich gar keine Bedrohung der heterosexuellen Cisgender-Lebensweise, sondern lediglich dass eine Transvestitin einen Wettbewerb gewonnen hat. Und selbst wenn die LGBT-Lebensweisen dadurch aufgewertet werden, ist dies noch keine Bedrohung. So gibt es also keinen Grund, den Sieg von Conchita Wurst abzulehnen.

(Ich kann an dieser Stelle nicht auf alle vermeintlichen Argumente gegen LGBT eingehen, da dies den Rahmen sprengen würde. Ich habe versucht, das im Falle des ESC am häufigsten auftretende Argument herauszugreifen. Auch und gerade religiöse Argumente kann ich hier nicht berücksichtigen, auch aus dem Grund, dass ich sie aus philosophischer Sicht schlicht nicht ernst nehmen kann.)

Irritierte (4)

Die irritierten wissen, dass Intoleranz fehl am Platze ist, gerade auch in Bezug auf den ESC, denn dieser ist nicht die wichtigste gesellschaftspolitische Bühne, die man sich vorstellen kann. Sie wissen auch, dass Intoleranz unangebracht ist, da sie die Grundüberzeugung teilen, dass alle Menschen gleiche Rechte haben, nicht nur juristisch, sondern auch moralisch. Und dennoch sind sie als Teil einer in Teilen intoleranten Gesellschaft aufgewachsen und wissen daher emotional nicht mit der Irritation umzugehen. Sie sind insofern unterschiedlich von der Gruppe (3), dass sie nicht strategisch tolerieren und sich insgeheim eine Intoleranz wünschen. Sie wünschen sich eine echte Gleichberechtigung für alle, sind aber mit der materiellen Ausformung der zu tolerierenden Positionen überfordert. Ihr rationaler Geist ist also von der Gleichstellung aller Menschen überzeugt, ihnen fehlt aber emotionale/intuitive Orientierung dazu.

Sie sind eine vergleichsweise harmlose Gruppe, da sie nicht aggressiv wie die Gruppe der Intoleranten (3) und nicht halb-blind wie Gruppe (5) auftritt. Und dennoch sind ihre typischen Äußerungen wie „Naja, ich bin ja für Gleichberechtigung aller, aber das muss man doch nicht unbedingt im Fernsehen propagieren.“ kein tatsächliches Argument. Denn erst müsste gezeigt werden, dass wirklich Propaganda stattfindet. Stattdessen ließe sich der Auftritt, da er einzigartig im Feld des ESC ist, als Ausnahme verstehen. Der Sieg von Wurst kann daher nicht als Propaganda verstanden werden und schon gar nicht als „Überhandnahme“ von nicht-heterosexuellen Rollenmodellen. Das braucht daher niemanden zu verunsichern.

Gegner gesellschaftspolitischer Einflüsse (5)

Diese Gruppe versucht einen individuellen Zugang auf das Problem zu finden. Manche der Vertreter versuchen es dadurch zu umgehen, um sich nur noch auf den Musikaspekt zu konzentrieren. Manche sind diskussionsfaul, wieder andere wünschen sich tatsächlich eine Anlage des ESC als reinen Musikwettbewerb. Doch wenn man die Worte der Teilnehmerländer am ESC nicht vollständig als Höflichkeitsfloskeln ansieht, ist der ESC durchaus ein Wettbewerb, der auch für Toleranz und Zusammenarbeit in Europa wirbt. Wie schon oben ausführlicher besprochen, kann man den ESC nicht allein als Musikwettbewerb verstehen. Ein weiteres Argument dafür ist, dass er ohne Zusammenarbeit der Gastgeberländer mit allen anderen nicht zustande käme. Diese Position ist also kaum haltbar – eine gesamteuropäische Veranstaltung, die sich selbst Völkerverständigung auf die Fahnen geschrieben hat, kann nicht frei von gesellschaftspolitischen Einflüssen sein. Daher ist (a) der Schluss falsch, der Sieg Wursts sei kein Statement für Toleranz. Das lässt sich aus den hier geäußerten Prämissen gar nicht ableiten, da die Grundprämisse, der ESC sei keine politische Bühne, unwahr ist. Für den anderen Fall, dass (b) Wurst am besten hätte nicht teilnehmen sollen, um den ESC frei von politischen Inhalten zu halten, gilt das Gleiche. Auch hier geht die Prämisse fehl, der ESC sei ein ungeeigneter Platz dafür. Gerade die offene europäische Bühne ist für Aussagen dieser Art geeignet. An dritter Stelle gibt es (c) die Fehlannahme, der Song und die Präsentation an sich hätten Wurst den Spitzenplatz beschert. Gerade wenn man die Vielzahl an Faktoren berücksichtigt, ist dieser Schluss eigentlich unhaltbar.

Exklusion durch Inklusion

Um eine Bewertung des Phänomens Conchita Wurst vornehmen zu können, benötigen wir eine Figur aus der Mediensoziologie. Dort beschreibt Thorsten Lorenz in „Popularität des Andersseins“: „Die Mediengeschichte zeigt sich fasziniert von Randgruppen, Ausgestoßenen, Insulanern, Freaks, wilden Tiermenschen und gibt diesen Mischwesen allererst eine Bühne. Medien inszenieren, skandalisieren, ja produzieren fortwährend die Differenz von Innen und Außen, Exklusion und Inklusion.“ (In: Biermann/Fromme/Verständig: Partizipative Medienkulturen, S. 133) Lorenz beschreibt eine Medienkultur, in der exotische Erscheinungen herausgestellt werden. In etwas verflachter Weise habe ich dies oben schon mit Sensationslust beschrieben, hier geht es um ein etwas tiefergehendes Phänomen. Durch die Teilnahme an Medien, durch die Bühne, die sie bekommen, werden exotische Erscheinungen, auch ungewöhnliche Menschen, scheinbar in die Gesellschaft inkludiert. Das „Innen“, von dem Lorenz spricht, ist die Innenseite der Gesellschaft, das „Außen“, die Außenseite, d.h. Nicht-Zugehörigkeit. In Medien werden Exotismen häufig so gezeigt: „Auch dies ist Teil unserer Gesellschaft.“ Doch man sagt dadurch auch, dass dies eine besondere Ausprägung ist, d.h. die Exotismen werden auch gleich wieder ausgegliedert. Durch die Inklusion in Medien wird also die Exklusion fortgeführt oder gar bestätigt.

Ähnliches ist auch bei Conchita Wurst denkbar. Ohne sie als Freak, Ausgestoßene oder gar Tiermensch zu bezeichnen (nur zur Sicherheit, falls ein Troll auf die Idee kommt), so ist sie doch eine exotische Erscheinung. Auch sie wird nicht nur durch die Bühne, die sie bekommt, sondern gar durch den Sieg herausgestellt und man versucht ihr besondere gesellschaftspolitische Bedeutung beizumessen. Aber sofern die Stimme beim jeweiligen Wähler nicht auf tatsächlicher Toleranz fußte, muss die Inklusion hier mit der Exklusion einhergehen. Und ich bezweifle, dass die europäische Gesellschaft so weit ist, eine Erscheinung wie Conchita Wurst als vollständig innerhalb der Gesellschaft zu bewerten.

Fazit

Aufgrund der hier dargestellten Probleme jeder einzelnen Position ist es wichtig, alle Aspekte zu berücksichtigen. Die Vertreter der Gruppe (5) dürfen nicht ignorant gegenüber der gesellschaftspolitischen Dimension des ESC sein, die Intoleranten (3) dürfen nicht ihre eigenen Hierarchiegedanken auf die gesamte Gesellschaft projizieren, sondern müssen verstehen, dass eine Gleichberechtigung verschiedener Lebensentwürfe möglich ist, ohne dass ein Entwurf den anderen bedroht. Die Gruppe der Befürworter (2) muss berücksichtigen, dass auch marktwirtschaftliche Interessen eine Rolle spielen und statistische Verzerrungen durch die Zielgruppe keinen Rückschluss auf das gesamte Europa zulassen. Außerdem muss sie aber auch im Blick behalten, dass die Musik ein weiterer Faktor ist.

Das heißt, eine Gesambewertung kann nur erfolgen wenn man diese Faktoren berücksichtigt:

  • politische
  • gesellschaftspolitische
  • marktwirtschaftliche/kommerzielle
  • musikalische
  • mediensoziologische
  • statistische (Zusammensetzung der Zielgruppe)

Wenn man sich diese Gemengelage von Interessen und Faktoren vergegenwärtigt, wird klarer, wie schwer eine finite Aussage darüber ist, ob Conchita Wursts ein Statement für Toleranz oder der Untergang des ESC oder gar des Abendlandes ist. Die Zielgruppe ist höchstwahrscheinlich offener als die Durchschnittsgesellschaft, ebenso entziehen sich die Kritiker der Teilnahme Wursts durch bewussten Boykott der Beobachtbarkeit innerhalb der Wahl. Neben den musikalischen Aspekten, die durchaus eine Rolle spielen, stehen politische, gesellschaftspolitische und kommerzielle Interessen, die nicht unwichtig sind. In Anbetracht der gegebenen Faktoren lässt sich m.E. ein schwaches Urteil fällen: Der Sieg Conchita Wursts ist durchaus ein Statement eines Teils der Europäer (und z.T. Bürger anderer Staaten) für Toleranz und Inklusion bisher exkludierter Lebensentwürfe. Doch es ist nicht klar, inwieweit sich das auf die unsichtbare Masse übertragen lässt – die sichtbare Kritik in Kommentarspalten lässt jedenfalls einiges ahnen, dass die Toleranz durchaus nicht so weit verbreitet ist wie erhofft.

Schließlich muss ich hier aber immer noch zu bedenken geben, dass der Auftritt in einer Show noch keine endgültige Toleranz oder gar Akzeptanz alternativer Lebensentwürfe darstellt. Der mediensoziologische Faktor „Exklusion durch Inklusion“ spielt eine nicht zu unterschätzende Rolle bei einem einmaligen Ereignis wie diesem. Dennoch kann dies ein Anfang für eine wirkliche Inklusion der LGBT-Lebensweisen in den Alltag darstellen.

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