Die Vernetztheit der deutschen Journalisten

Die vier größten deutschen Zeitungen Die Welt, Die Zeit, Süddeutsche Zeitung und FAZ gelten als verlässliche Quelle für guten Journalismus. Man erwartet kluge Köpfe und großen Einsatz in den Redaktionen. Beides kann man nicht leugnen, wenn man die in diesem Video aus Die Anstalt dargestellten Zusammenhänge betrachtet. Mitglieder aus allen Redaktionen sind ebenfalls nicht nur Mitglieder oder Bekannte von Mitgliedern aus 12 verschiedenen transatlantischen und sicherheitspolitischen NGOs, sondern Beiräte, Vorstände und ähnliches! Am stärksten wird ein Fall herausgehoben: Jochen Bittner von Die Zeit hat als Mitglied des German Marshall Fund of the United States ein Positionspapier mit vorbereitet, das als Grundlage einer Rede von Joachim Gauck benutzt wurde. Später hat er diese Rede und das Grundsatzpapier in Die Zeit gelobt. Irre.

Mangelnde Redlichkeit

Nun muss man sich auf politisch-philosophischer Sicht fragen, ob Verquickungen dieser Art problematisch sind. Nein, falsch, eigentlich braucht man sich die Frage nicht stellen, denn ganz klar ist dies problematisch. Denn eine Bestätigung einer Regierung durch eine Person, die an der Position dieser Regierung mitgewirkt hat, kann nicht legitim sein. Es ist, wenn man es als Argument betrachtet, ein Zirkelschluss. Nur eine starke Verwirrtheit könnte für einen Widerspruch gegen die eigene Position sorgen.

Selbst wenn man berücksichtigt, dass natürlich die individuelle Position eines jeden Mitglieds dieser NGOs nicht vollständig in den Positionen der NGOs abgebildet wird, wäre es doch reichlich unwahrscheinlich, dass Journalisten die NGOs kritisieren, in denen sie organisiert sind. Einerseits da sie natürlich den Erfolg dieser NGOs wünschen, auch wenn ihre individuellen Ziele nicht 100% eingehen können. Andererseits natürlich aus strategischer Sicht – bei Kritik an der NGO können Vorstandsposten oder Schriftführerschaften neu entschieden werden. Man möchte natürlich nicht aus sicherlich gut dotierten Posten dieser Organisationen ausscheiden.

Ein zusätzliches Problem ist nicht nur die Verquickung von Politik und Journalismus, sondern der Einfluss der als unabhängig geltenden Journalisten in einem öffentlichen Diskurs. Der Anschein der Unabhängigkeit bröckelt sehr stark, wenn man die Stärke der Vernetzung des deutschen Journalismus im Schaubild betrachtet. Diese Haltung ist jedoch unredlich, denn Journalisten erwecken hier den Anschein, als bewerteten sie politische Vorgänge unabhängig, dabei bewerten sie anhand eigener Interessen.

Ruft man sich die Ansprüche von Habermas‚ Diskursethik an einen öffentlichen Diskurs ins Gedächtnis, so ist mindestens einer der Grundsätze verletzt. Die vier Grundregeln sind:

1. Verständlichkeit
2. Wahrheit
3. Richtigkeit
4. Wahrhaftigkeit
(Wikipedia: Diskursethik)

Grundsatz vier Wahrhaftigkeit beinhaltet, dass die Absicht des Sprechenden mit seiner Äußerung übereinstimmt. Doch hier verschweigen Journalisten etwas, weshalb ihre Absicht durchaus abweicht von der Aussage ihrer Artikel: Es spielt nicht nur ihr Bewertung der Politik und der politischen Ziele eine Rolle, sondern auch ihre Interessen. Somit wäre eine solche Vernetzung abzulehnen, zumindest eine, in der nicht immer eine kurze Information dazugestellt wird, in welchen Bündnissen der jeweilige Redakteur bzw. andere Redakteure zusätzlich tätig ist bzw. sind.

Elitenproblem?

Nun jedoch noch zu einer anderen Frage: Lassen sich solche Vernetzungen verhindern? Es geht mir nicht nur um den rechtlichen Aspekt – man könnte natürlich einfach diese Konstellation verbieten. Vielmehr geht es mir um vier weiterführende Fragen:

1. Sprechen die Bündnisse auf der Suche nach Einfluss und Macht nicht grundsätzlich einflussreiche Gruppen wie Zeitungen/Journalisten an?
2. Suchen nicht auch Journalisten als Privatpersonen weitere Profilierungsmöglichkeiten?
3. Ist genug Personal in Deutschland vorhanden, um beide Positionen – Redakteur & Vorstandsmitglied einer Sicherheits-NGO – adäquat zu besetzen?
4. Wären beide Posten noch effizient arbeitsfähig, wenn sie getrennt besetzt würden?

Frage 3 muss länger durchdacht werden. Es ist nicht nur die Qualifikation, die hier eine Rolle spielt, sondern auch der soziologische Faktoren, ein Habitus, der in den entsprechenden Kreisen gilt. Somit haben nur ausgewählte Menschen Zutritt zur Stelle des Zeit-Journalisten und Vorstandsposten beim German Marshall Fund of the United States oder der Bundesakademie für Sicherheitspolitik. Da stellt sich also die Frage, ob genügend Menschen die Qualifikation besäßen, einen der Posten auszufüllen, sodass keine Interessenkonflikte entstehen. Auf kritischer Seite muss man natürlich anmerken, dass der Habitus als sozialer Sicherungsmechanismus eine Diskriminierung darstellt und man soziale oder rechtliche Mittel entwerfen müsste, um seinen Einfluss zu minimieren. (Dies soll aber nicht Ziel dieses Eintrags sein.)

Frage 4 impliziert, dass bei einer getrennten Besetzung der beiden Posten das Kommunikationsaufkommen steigt. Es ist nämlich klar, dass grundsätzlich eine Vernetzung von NGOs und Journalismus hilfreich ist – natürlich muss ein Informationsfluss gegeben sein, damit Journalisten in ihrem Medium Informationen und Sichtweisen weitergeben können. Wenn eine Person beide Posten ausführt, muss sie beispielsweise das Positionspapier nicht mehr lesen, das von der jeweiligen NGO geschrieben wurde. Oder sie muss nicht mehr mit dem Vorstand sprechen. Sie ist nämlich selbst im Vorstand bzw. hat das Papier selbst verfasst. Dies stellt zumindest auf den ersten Blick eine Zeitersparnis statt. Werden alle Vorstandsposten und Journalistenstellen – und zudem auch politische und marktwirtschaftliche Posten; natürlich haben ebenfalls politische Amtstäger und Unternehmen ihre Finger im Spiel – getrennt besetzt, steigt das Kommunikationsaufkommen um ein Vielfaches. Wäre dies gesellschaftsorganisatorisch zu lösen? Überschätze ich den Anstieg des Kommunikationsaufkommens?

In jedem Falle gibt es in den Eliten ein Legitimationsproblem, wenn Vorstandsposten in NGOs, die die Politik beraten, politische Posten selbst, Wirtschaftsposten und Journalisten nicht einer gewissen Trennung unterliegen. So ist immer fraglich, welche Ziele tatsächlich verfolgt werden. Einem redlichen öffentlichen Diskurs ist damit nicht geholfen, er wird mithin sabotiert. Zudem muss man mindestens einen wichtigen Nebeneffekt berücksichtigen: Mit Verquickungen dieser Art und der Verschwiegenheit darüber spielen die Akteure in Politik, Wirtschaft, Journalismus und NGOs Verschwörungstheoretikern in die Hände. Es entsteht eine Unsicherheit darüber, welche Ziele unter den Bekanntschaften, Freundschaften und Doppelbesetzungen verfolgt werden, welche den Argwohn nähren, es könnte eine geheime Weltverschwörung geben. Wenn die entsprechenden Akteure schon nicht vom Argument mangelnder Redlichkeit zu überzeugen wären, dann sollten sie die Verbindungen aus strategischen Gründen locker, um Verschwörungstheorien keinen zu starken Zulauf zu bescheren.

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2 Gedanken zu „Die Vernetztheit der deutschen Journalisten

  1. Dieser Artikel begeht in meinen Augen einen gewaltigen Fehler, indem er die beschriebene Problematik als Elitenproblem („Die da oben bleiben unter sich“) darstellt. Ich glaube sehr wohl, dass das beschriebene Verhalten u redlich ist und auch glaube ich, dass eine politische NGO ein Interesse daran hat, einen renommierten Journalisten im Vorstand zu haben. Aber es wird nicht einmal die Frage gestellt, ob Menschen, die sich für sicherheitspolitische Fragen interessieren, nicht auch überproportional oft Journalisten oder Politiker sind. Mit anderen Worten finde ich die Antwort auf Frage 3 als unzureichend, da sie suggeriert, dass irgendein unabhängiger Experte ausgerottet wurde, weil „die da oben“ lieber Klüngelwirtschaft betreiben. Ein Beweis für diese Vermutung wird aber nicht geliefert. Ich vermute aber stark, dass auch der Vorstand einer NGO wie in den meisten Vereinen auch aus den Leuten besetzt wird, die sich dazu bereit erklären und nicht in einer wirklichen Wahl aus einer Menge unterschiedlicher Bewerber. Will heißen: Jochen Bittner wollte den Job, andere wahrscheinlich nicht. Das ändert wie gesagt nichts daran, dass es unredlich ist, seine Hintergründe in einem Meinungsstück zu verschweigen, aber ihm vorzuwerfen, dass er sich auch privat für das interessiert, was er beruflich macht, ist schon hart. Einem Bahnmitarbeiter würde man doch auch nicht vorwerfen, dass er sich beim VCD engagiert, obwohl dies genauso ein Interessenkonflikt ist. Aus dem Sofa heraus zu fordern, dass sich die NGO doch bitte einen gut vernetzten Vorstand suchen soll, der weder Ambitionen in der Politik noch im Journalismus hat und möglichst auch nicht in der Wissenschaft (abhängig von Drittmitteln und Mitgliedschaft in diversen Beratungsgremien!), aber trotzdem mit den hauptamtlichen Mitarbeitern tagesaktuell auf Augenhöhe diskutieren kann, erscheint mir ein wenig zu einfach…

    • Ich denke, wir missverstehen uns. Ich stelle mit Frage 3 durchaus in Frage, ob überhaupt jemand anderes zur Stelle wäre, wenn nicht ein Journalist (ein qualifizierter) den Vorstandsposten übernähme. Diese Frage ist ernst gemeint und ich kann sie nicht hinreichend beantworten (das gebe ich auch zu), da mir die statistische Basis fehlt. Der Vorwurf der Klüngel hängt damit zusammen, dass tatsächlich über Klüngel Posten vergeben werden. Das lässt sich nicht leugnen. Mir ist auch bewusst, dass Vorstände nicht immer aus einer optimalen Wahl besetzt werden. Ob außerhalb der Klüngel genügend Kräfte vorhanden wären, weiß ich nicht. Dennoch behaupte ich, dass sich ein Jochen Bittner dann (a) nicht darauf bewerben sollte, wenn es so starke Interessenkonflikte geben kann. Oder (b), was ich wenigstens für eine redliche Variante halte, Jochen BIttner weist darauf hin, dass er an dem Paper mitgeschrieben hat, sobald er darüber in Die Zeit schreibt. Oder (c), Herr Bittner nimmt davon Abstand, darüber zu berichten und überlässt es einem Kollegen. Es wird sicher nicht nur eine/n Kollegin/en in der Redaktion von Die Zeit geben, der eine Bewertung der entsprechenden Ereignisse vornehmen kann.

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