Der ominöse „gesunde Menschenverstand“

Da ich mal wieder eine Rechtskolumne lese, begegnet mir wieder einmal der Begriff gesunder Menschenverstand, den ich zum einen gern mag, aber zum anderen für völlig unbrauchbar in manchen Zusammenhängen halte. Er enthält alles und nichts; nämlich immer das, was der Aussprechende mit seiner Aussage glaubt zu meinen, und das, was der Hörer/Leser glaubt darunter zu verstehen. Gesunder Menschenverstand ist als Begriff (also Wort) und Konzept (also Tatsache und Handlung) nicht klar greifbar und deshalb hilft es uns im menschlichen Zusammenleben selten, darauf zu verweisen. Er ist nicht nur kulturell, sondern auch individuell völlig unterschiedlich.

Ein Gespräch mit einem von mir geschätzten Menschen brachte jedoch eine Diskussion über genau darüber hervor. Und die Person meinte, dass wir uns durchaus sehr leicht und schnell auf einige Regeln einigen könnten – überall auf der Welt. Die Grundlage, auf die sich mein Gesprächspartner berief, waren die Zehn Gebote aus dem 2. Buch Mose.

Doch ich musste widersprechen. Schon allein am ersten Gebot scheitert es nämlich, darauf könnte sich absolut nicht die ganze Welt einigen:

Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus.
Du sollst neben mir keine anderen Götter haben.

Fragt bitte einmal Anhänger der Religionen, abgesehen von Christentümern oder Judentümern, ob die sich nicht vielleicht davon überzeugen lassen könnten. Ich stelle mir das Verkaufsgespräch recht schwierig vor! Davon abgesehen gibt es genug andere Gebote (die im Übrigen häufig eher Verbote sind), die völlig unterschiedlich ausgelegt werden.

Nummer 2:

Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde.

Ja, nee, das mit den Darstellungen haben wir schon abgelegt, das machen wir ganz anders – abgesehen von gewissen kleinen christlichen Strömungen. Aber auch beim fünften Gebot wird es knifflig:

Du sollst nicht morden.

Die Einheitsübersetzung lautet:

Du sollst nicht töten.

Schon die Übersetzungsunterschiede zeigen, wie schwierig dort die Interpretation ist. Ist das Töten nicht erlaubt, oder nur der Mord nicht? Wo fängt Mord an? Rechtlich ist das klar zu definieren, aber es richtet sich doch nicht alles nach dem deutschen Strafrecht und der deutschen Definition des Wortes Mord. Ist Töten generell falsch? Es gibt irgendwie keine Spezifikation bei Notwehr – der gesunde Menschenverstand würde sie intuitiv hinzufügen, aber darf er das?

Außerdem gibt es kulturellen bzw. nationalen Unterschiede bei der Interpretation. Viele traditionellere Kulturen halten die Tötung als Strafe für gerecht und gar notwendig. Wie sollten sich denn z.B. Strafrechtler in den USA mit denen in Deutschland einigen? Oder andere Menschen, die nicht Strafrechtler sein? In den Vereinigten Staaten ist die Todesstrafe in den meisten Bundesstaaten Teil der Bestrafungsmethoden, auch wenn sie kontrovers gesehen wird.

Es ist jedoch wohl leicht ersichtlich, dass eine Einigung auf die Zehn Gebote als Grundlage des menschlichen Zusammenlebens nicht in Sicht steht, wenn schon fast ein Drittel auf der Welt sehr unterschiedlich gesehen wird. Ein Konsens darüber scheint auch gar nicht in Sicht, selbst wenn es eine weltweite Debatte darüber gäbe. Genauso verhält es sich vermutlich mit vielen Regeln des Zusammenlebens: Es gibt, wenn überhaupt, nur einen sehr sehr kleinen Kern von Grundregeln, auf den sich die ganze Menschheit einigen kann. Die Gedanken und die Gebräuche, die den Menschen z.T. selbst verständlich erscheinen, sind höchst konventionell und entsprechen keinem übergeordneten Gedankenmodell, das jedem einsichtig sein müsste, wenn er doch nur genug nachdächte. Deshalb ist der gesunde Menschenverstand in vieler Hinsicht eine nutzlose Phrase.

Advertisements

3 Gedanken zu „Der ominöse „gesunde Menschenverstand“

  1. nein nein, er ist keine nutzlose phrase. er dient dem benutzer dazu, normalität zu generieren. „gesund“ ist ein hygienebegriff, dem eine norm zugrunde liegt. und die heißt: „so wie die andern auch.“ wer sich auf den „gesunden“ menschenverstand beruft, konstruiert sich selbst als „normal“, als „in der masse schwimmend“. das beruhigt. und stellt legitimität her – nämlich für eben diese masse zu sprechen.

    es kommt beim gesunden menschenverstand (gefühlt) selten darauf an, ihn nach außen zu vertreten oder zu rechtfertigen. er ist ein totschlagargument, auf das keine gegenrede erwünscht ist. wer würde schon aus einer „nicht-gesunden“ position heraus argumentieren?

    von derher kann man den gesunden menschenverstand eher als ein herrschaftsinstrument im kleinen betrachten. es hilft mir, macht in gesprächen auszuüben und mich dabei auch noch in der wohligen sicherheit zu wiegen, auf jeden fall richtig zu liegen.

    • Danke, so weit hatte ich gar nicht gedacht! Das dikreditiert die Wortkombination allerdings umso mehr. Eine normative Aussage, in der man sich selbst als Standard setzt, ist ja völlig unzulässig, wenn es um die Breite der Bevölkerung geht.

  2. diskreditieren? soweit würde ich nicht gehn. ich würde mich hier mit einer bewertung zurückhalten. kommunikation ist immer trickserei. und der „gesunde menschenverstand“ nur eins von vielen mitteln im arsenal, um deutungshoheit zu erhalten. aber da kommt wieder der machiavellist in mir hoch 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s