Peter Kruse über Systeme, Kreativität, Politik und Zukunft

Peter Kruse gehört als Neurowissenschaftler zu meinen absoluten Lieblingsdenkern. Seine Ideen und Aussagen abstrahieren einfach sehr gut von einfachen Befunden und sie systematisieren Sachverhalte. Trotzdem ist es nicht immer voraussagbar und er bietet immer wieder einen neuen Einblick in eine Sache. Daher hier zwei Videos, die ich aus meinem Archiv gekramt habe.

Funktionalismus, Authentizität und der Begriff der Person

Auch dies ist eine Kopie meines Beitrags aus einem alten Blog. Ursprüngliches Datum: 18. November 2012.

Ich hatte vor einigen Tagen mit Christoph Kappes eine sehr anregende Diskussion über den Begriff der Person und Authentizität, vor allem im Internet. Es ging vorrangig darum, wie man sich in sozialen Netzwerken verhält und ein Problem, das angesprochen wurde war: Man imitiert und inszeniert bestimmte Medienformen. Christoph monierte (an sich selbst), dass er in bestimmten Situationen wie ein Chefredakteur mit seinen Lesern gesprochen hat, dass er es nicht mehr als „natürlich“ empfand, weshalb er solche Situationen momentan meide.

Authentizität bei Sascha Lobo

Selbstverständlich ging es um den Begriff Authentizität, war er doch noch vor Wochen Thema in Sascha Lobos Kolumne bei Spiegel Online. Es ist klar geworden: Inszenierung ist in jeder Art von Medium enthalten. Selbst in alltäglichen sozialen Situationen werden Erwartungen Anderer evaluiert, eigene Ansprüche hineingesteckt und damit eine bestimmte Rolle gespielt. Scheinbar – das war aber nicht mehr Teil der Diskussion – ist jedoch die Gewichtung der Erwartungen Anderer gegenüber intrinsischen Motivationen der Unterschied zwischen einer massenmedialen Präsenz  (oder einer im weiteren Sinne öffentlichen Situation) im Gegensatz zu einer alltäglichen Situation. In öffentlichen Situationen sind Verlässlichkeit, Ausdrucksstärke und die Erfüllung der Erwartungen (z. B. das Kommunikationsgebot der Relevanz) von viel stärkerer Bedeutung als in der privaten, intimeren Situation. Dort scheint es einen viel größeren Handlungsspielraum auch für Willkür (d.h. nicht allzu tiefgründige Handlungs- und Motivationsbegründung) zu geben.

Authentizität, Indivualität und Natürlichkeit

Mit der Authentizität begrifflich verbunden ist Individualität. Wenn man versucht, hinter einer vermeintlichen Medienfigur das „Authentische“ auszumachen, geht es um einen Wiedererkennungswert, um etwas, was die Person auszeichnet. Durch solche Merkmale eignet man sich auch Individualität an, die viel leichter als Athentizität zu erkennen ist als ein durchschnittlicher Charakter, bei dem nichts hervorsteht. Nun wird durch ein Medium, weil es immer eine Schablone enthält, weil es ein Thema setzt, weil es Erwartungen erfüllen muss und möchte, jeder Charakter zu einem bestimmten Grad entindividualisiert. Das ist hilfreich, um Informationen zu filtern, Unwichtiges auszublenden – oder um es mit Luhmann zu sagen: Komplexität reduzieren und zu große Irritationen vermeiden. Diese Unterordnung unter das Thema und eine gleichzeitige versuchte Erfüllung von Erwartungen kann beim Rezipienten oder Gegenüber das Gefühl einer fehlenden Individualität erzeugen. Doch für Interaktion und für das Gefühl einer Verbundenheit, dass es einen „etwas angeht“, dafür braucht es ein erkennbares Gegenüber. Norbert Elias spricht darüber in den Begriffen Distanzierung und Engagement. Engagement also wird erst dann möglich, wenn das Gegenüber nicht wie ein Automat wirkt, sondern individuell. Er erkauft die Unterordnung unter ein Thema immer mit der steigenden Wirkung wie ein Automat, das heißt Unnatürlichkeit. Und diese Unnatürlichkeit wird im Extrem nicht akzeptiert, wenngleich die Akzeptanz von Mensch zu Mensch unterschiedlich ist.

Authentizität und Instrumentalisierung

Im späteren Verlauf und auch im Nachgang des Gesprächs kam ich auf eine weitere Idee, weshalb Authentizität gefordert wird und wie sie verstanden werden kann: Wenn in einer Öffentlichkeit die Person (also alle intrinsischen Merkmale) vollständig hinter der Agenda, hinter dem von der Person Unterschiedenen verschwindet, dann wird es als unauthentisch empfunden. Wenn also die Person nicht mehr Person ist – nicht mehr individuell -, sondern sie nur noch als Hülle für bestimmte Ziele dient, bestimmte Ziele zu erreichen, wenn sie nur noch Mittel, in keiner Weise mehr Selbstzweck ist, dann wird sie als unauthentisch bezeichnet. Sie ist nur noch Instrument, sie wird instrumentalisiert oder instrumentalisiert sich selbst, ohne dabei intrinsische Motivationen oder Individualität an den Tag zu legen. Wenn ihre Person verschwindet, ist sie praktisch nicht mehr Person. Wie ich schon vorher sagte: Statt der Person wird ein Automat wahrgenommen. Personen haben Motivationen, eigene Ziele, Handlungsgründe und Eigenheiten. Wenn das alles nicht mehr erkennbar ist, wird für uns eine Person nicht mehr erkennbar. Man könnte es zweierlei ausdrücken: Entweder sie ist mit dem Ziel identifiziert, also nicht mehr selbstständig, hat keinen freien Willen mehr (was wir mit dem Begriff der Person eng verknüpfen) oder sie verschwindet hinter dem Ziel und ist nicht mehr greifbar. Aber eine nicht mehr greifbare, unsichtbare Person ist nicht mehr Person. Es muss einen wahrnehmbaren Anhaltspunkt geben, sie als Person anzuerkennen.

Authentizität und Funktionalismus

An dieser Stelle kommt der Begriff des Funktionalismus ins Spiel: Selbstverständlich benutzen wir bestimmte Rollen, die wir im Alltag oder in anderen Situationen spielen können, um bestimmte Ziele zu erreichen. Diese Prämisse ist schwer zu widerlegen. Jeder eignet sich Eigenschaften und Verhaltensweisen an, um bestimmten Anforderungen gerecht zu werden. Wenn soziale Sanktionen einem Kind beibringen, dass es in der Schule besser ist, in einer bestimmten Weise aufzutreten, dann nennen einige das Erziehung, es ist aber genauso gut als Adaption einer soziale Rolle mit der Funktion der sozialen Akzeptanz beschreibbar. Das Kind lernt, wie es sich in einer Gruppe verhalten kann. Es lernt mit Autoritäten umzugehen – und jedes Kind lernt seine eigene Rolle damit, hat seine eigenen Erfahrungen und kann eigentlich jede Rolle immer mit einer sozialen Taktik lösen. Nicht selten könnte sich jeder Mensch fragen: Möchte ich mich so verhalten und mich damit von außen mit einer solchen eine Eigenschaft identifizieren oder nicht? Vielleicht ist die Entscheidung dafür oder dagegen selten bewusst, doch letztlich gibt es diese Entscheidung dafür. So könnte man also behaupten: Jede Rolle, die wir erlernen, kommt nicht aus uns selbst, sondern ist immer der Erreichung eines Zieles unterworfen. Soziale Verhaltensweisen sind immer funktional. Damit wären wir vollständig unauthentisch. Das heißt: Vertritt man hier einen starken Funktionalismus, ist Authentizität unerreichbar.

Die Frage ist, ob man diesen Funktionalismus so halten kann oder ob man nicht doch irgendwo intrinsische Motivationen findet, die nicht mit der Erreichung eines äußeren Ziels identifiziert werden können. Sollte das aber nicht gelingen, könnte der Begriff der Person an sich ziemlich stark ins Wanken geraten.