Durchgeknallt

Ich hatte vor Jahren mit einer Freundin ein Gespräch über durchgeknallte Menschen. Sie studierte den interdisziplinären Studiengang Psychologie-Neurowissenschaften-Kognitionswissenschaften, wo es einige Anteile Philosophie gibt – weshalb wir in einer Vorlesung trafen.

Sie berichtete mir also von einem Vortragenden, einem Professor, der psychologische Theorien, Interpretationen und anderes präsentierte. Das sei ganz schön durchgeknalltes Zeug gewesen, meinte sie. Ich erwiderte, dass er als Psychologie-Professor selbstverständlich durchgeknallt sei, und erzählte von einem Text von G.E. Moore zum Thema Willensfreiheit, der in der zentralen Textpassage folgenden Satz enthielt:

Wenn wir sagen, wir hätten etwas tun können, das wir nicht getan haben, wenn wir uns dazu entschieden hätten, dann meinen wir vielleicht mit der Aussage, dass wir uns dazu hätten entscheiden können, lediglich, dass wir uns so entschieden haben würden, wenn wir uns entschieden hätten, diese Entscheidung zu treffen.

Ohne Frage ein bemerkenswerter Satz. Ich setzte hinzu, dass irgendwie doch alle Professoren bzw. höheren Akademiker die eine oder andere Schraube locker hätten. Sie frug: „Auch Dr. [Soundso]?“ Ich antwortete: „Selbstverständlich! Denk‘ mal daran, wie versessen der auf Textarbeit und -belege ist und wie genau der Kant kennt. Seine Vorträge über Kant sind far away from normal!“ – „Stimmt.“

Ich resümierte, dass man ohne eine gewisse Macke sich keinem Thema so verschreiben kann wie ein Akademiker es mit seinem Forschungsgebiet tut. Ich ging sogar weiter: Jeder hat auf seine bestimmte Weise eine Schraube locker. Jeder hat mindestens eine Charaktereigenschaft, die jemand anderes bemerkenswert, vielleicht sogar befremdlich findet. Vielleicht ist sie auch einfach nur nett und liebenswert, aber außergewöhnlich. Das hat unmittelbar mit der Wahrnehmung der Menschen untereinander zu tun: Sie unterscheiden sich manchmal punktuell, manchmal grundsätzlich auf so krasse Weise voneinander, dass ihre Wahrnehmung voneinander häufig darauf hinausläuft, den anderen als irgendetwas Besonderes zu bewerten – ob positiv oder negativ ist gar nicht so wichtig dabei. Es ist dabei egal, ob man jemanden besonders gut kennt oder nur oberflächlich – man erkennt Macken oft recht schnell und schreibt sie jemandem zu.

Dazu kommt eine Besonderheit bei der Charakterbildung: Durch Schlüsselereignisse werden bestimmte Werte, Ideen, Handlungen o.ä. für einen Menschen zu einem besonders wichtigen Punkt. Daher streben Menschen meist einem bestimmten Ziel zu, vermeiden bestimmte Handlungen (ja, fast ein Vermeidungsverhalten nach Mowrer und Miller) oder legen Wert auf gewisse Regeln. Dies wirkt für andere fast immer als „Macke“, ist aber nichts als ein Vermeiden von früheren Negativerfahrungen oder Wiederholung von Erfolgserlebnissen.

Niemand ist durchschnittlich – irgendwo weicht man immer ab. So gesehen sind wir also alle durchgeknallt!

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