Außergewöhnlich

Oft hört man von Konzerten, Musik, Zeitungs-Artikeln, Personen oder vielen anderen Dingen, sie seien außergewöhnlich gut. Ein Mensch sei besonders einfühlsam, ein Konzert außerordentlich gut zusammengestellt oder gespielt, Musik hervorragend produziert oder sehr geschmackvoll und raffiniert komponiert. Oder man sagt es von Gesprächen mit Menschen; sie seien besonders tiefgründig oder erhellend gewesen.

Nicht selten schließt sich die Frage an: „Warum kann nicht jedes Gespräch so gut sein? Es wäre doch schön, wenn man immer so miteinander reden könnte.“ Auf Musik, Personen, Konzerte etc. bezogen kann man die Aussage entsprechend umformulieren. Doch ich möchte einmal widersprechen. Es kann und (wenn es möglich wäre) dürfte nicht alles so gut sein. Wir begreifen die Welt durch Unterschiede und diskriminieren (im genauen Wortsinne) Erfahrungen nach bestimmten Kriterien. Ich bin froh, dass ich nicht ständig nur tolle Musik höre (zumal es momentan in dem Bereich eher ein Überangebot gerade bei guten Produktionen gibt) oder nur mit den verständnisvollsten oder intelligentesten Menschen zu tun habe. (Dabei hängt meine Bewertung als „verständnisvoll“ und „intelligent“ sowieso von meinen Kriterien und persönlichen Erfahrungen mit dem jeweiligen Menschen ab. Menschen verhalten sich nicht immer gleich, außerdem kann es vom jeweiligen Interaktionspartner abhängig variieren.)

Jetzt kommt aber nicht: „Dann könnte ich die wirklich guten Menschen/die wirklich gute Musik etc. gar nicht schätzen.“ Blödsinn. Die „wirklich gute Musik“ wird erst dadurch definiert, welche Kriterien angesetzt werden und was – in Bezug auf diese Kriterien – im Vergleich zu anderen heraussticht. Und diese hervorgehobene Position macht die jeweilige Entität für uns besonders. Wären alle Menschen so intelligent, wie man es sich wünschte, verschöben sich die Kriterien erneut und man setzte neue Maßstäbe an.

Kriterien müssen im Übrigen nicht vorher explizit gesetzt werden, sondern können sich auch erst herauskristallisieren. Sie würden in diesem Falle entweder erst während des Vergleichs der Vergleichsgegenstände erkannt, waren vorher nur implizit, oder sie entstünden erst im Vergleich. Erst nach Anschauung der Gegenstände könnte man sagen, was vorteilhaft oder „gut“ wäre, und entschiede dann, welcher Vergleichsgegenstand herausgehoben werden könnte.

Noch zum zweiten Punkt: Warum dürfte nicht alles gut sein? Warum dürfen nicht alle Menschen gleichsam einfühlsam sein, alle Musik gut produziert oder alle Konzerte bombastisch? Es beschließt sich nicht in der Plattitüde „Es wäre ja schlimm, wenn wir alle gleich wären.“ Denn eigentlich wäre es recht einfach, wenn wir alle gleich wären. Wir hätte deutlich weniger Probleme. Doch warum darf es nicht sein? Es gehört zu unserem Menschenbild, dass wir unterschiedlich sind und dass wir Dinge (und Menschen) unterscheiden. Wäre jeder Mensch gleich, gäbe es nur einen Menschen (oder zwei: jeweils einen Mann und eine Frau) und davon 6 1/2 Milliarden Kopien. Dort liegt ein moralischer Wert: Wir müssen unterschiedlich sein, weil wir zur Definition von „Mensch“ zählen, dass jemand sich von anderen unterscheidet. Es ist „gut“ unterschiedlich zu sein. (Im Übrigen auch eine Tendenz, die der modernen Philosophie zu danken ist, die seit der Renaissance den Fokus auf Reflexivität hält. Das Ich ist Zentrum der Betrachtung, nicht mehr das Sein oder anderes. Individualität wird dadurch als Wert herausgehoben.)

Auf eine gewisse Weise ist dies auch eine Abgrenzung zur Natur, die sich nicht bewusst unterscheiden kann, sondern einfach ist. So zumindest unser Weltbild – der Mensch ist bewusst und kann handeln. Natur ist einfach und verhält sich. So unterscheiden wir uns nicht nur untereinander, sondern auch andere Gegenstände.

Dies klingt beim ersten Lesen wie ein Zirkelschluss. Es gehört zu unserem bestehenden Menschenbild, dass Menschen unterschiedlich sind und deshalb dürften sie auch nicht anders als unterschiedlich sein. Das ist aber zunächst nur eine skeptische Begründung und kein Zirkelschluss. Es kann andererseits keine positive Begründung geben, nur eine Betrachtung der Gegebenheiten: Eine nicht unterscheidende Welt wäre eins. Bewusstsein bringt erst Unterscheidung hervor. Unterscheidung bedingt vorhergehendes Bewusstsein. Und wenn wir eine bewusste Welt wollen, müssen wir Unterscheidung akzeptieren. Das kann auch heißen, dass wir Unterscheidung gutheißen, denn sie kann Indiz für ein hohes Maß an Bewusstsein sein.

Warum kann es keine positive Begründung dafür geben, dass es nicht anders sein darf? Nun, das ist eine recht komplizierte Geschichte, die aber relativ kurz wiedergegeben ist: Unser Selbstbild bestimmt unsere Wahrnehmung. Zu unserem Selbstbild gehört, dass wir bewusst sind (auch wenn das oft genug nicht der Fall ist) und dass wir Unterscheidungen treffen. Dort sind die Rahmenbedingungen abgesteckt. So funktioniert unsere Welt. Wenn wir diese Umstände nicht als gut betrachteten, wäre unser Weltbild dahin. In einer anderen Welt als der, wie sie ist, würden wir nicht existieren. Daher ist es für uns unmöglich, uns in einer solchen Welt noch als Menschen zu begreifen. Wir können zwar Folgen absehen, aber wirklich hineinversetzen in eine solche Welt könnten wir uns nicht, da es uns einfach nicht gäbe.

Ich ziehe einen Vergleich mit Immanuel Kant und in gewisser Weise spielt dies auch für unser Problem eine Rolle: Er sagt in der „Kritik der reinen Vernunft“ sowie in den „Prolegomena zur Metaphysik“, wir können nicht anders als in Raum und Zeit denken. Wir können nur mit diesen Voraussetzungen etwas erkennen, da alle unsere Anschauung in Raum und Zeit geschieht. In einer Welt, die keine Unterscheidungen macht, in der alles eins wäre, gäbe es keinen Raum und keine Zeit. Zeit ist ein Ordnungsmodell für Veränderung. Darin können wir nicht denken – ohne Raum und Zeit. Es übersteigt unser sinnliches Vermögen. (Einen Einwand, der mehrdimensionale Räume o.ä. in der Mathematik oder gefaltete Dimensionen in der M-Theorie (Superstring-Theorie) anführt, lasse ich nicht gelten. Auch hier geht es um Raum, um konstruierte Gegebenheiten von Raum. Aber Raum und Zeit werden nicht wirklich abgeschafft oder überwunden.)

Und genauso verhält es sich mit unserem Konzept von Bewusstsein und Unterscheidung: Das sind die Rahmenbedingungen unseres Denkens. Eine nicht unterscheidende Welt ist für uns zwar vorstellbar, aber nicht begreifbar.

Daher ist auch das Außergewöhnliche für unsere Welt konstituierend. Wir unterscheiden die Dinge und einige entsprechen bestimmten Kriterien mehr als andere. Es muss also etwas geben, was vor anderen heraussticht, es kann nicht viel anders sein, als dass wir weniges (statt viel) als „außergewöhnlich“ bezeichnen.

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