Das Wissen über das christliche Abendland

Zum Thema „Religion“ und „christliches Abendland“ mal eine kleine Anekdote aus meinem Philosophiestudium:

Es begab sich im Jahre 2011, dass ich ein Seminar in Religionsphilosophie besuchen sollte. Neben mir als Master-Student und einem Master in Cultural Engineering bewegten sich in diesem Seminar nur Studentinnen für das Fach Philosophie/Ethik, ebenfalls schon im Master-Studium. Wir befassten uns hauptsächlich mit den monotheistischen Religionen, darauf war das Seminar ausgelegt. Der Dozent war ein Judaistik-Spezialist.

Von den Feinheiten möchte ich nicht sprechen, es haperte schon gleich anfangs an grundlegendem Wissen. Weder die Anordnung der Bücher der Bibel, noch einzelne Episoden waren bekannt. Das Begriffspaar Apokryphe Schriften waren gleich gänzlich unbekannt, geschweige denn der Inhalt dieser Schriften. Dass Lilith in aramäischen Legenden ebenfalls eine Rolle bei der Schaffung der Welt spielte, neben Adam, war neu. Dass es Evangelien gibt, die eine andere Geschichte über Jesus erzählen, schien ebenfalls überraschend. Verschiedene Strömungen des Christentums (die Christentümer) waren ebenso unbekannt wie das Wort „Sure“, das eine Predigt von Mohammed im Koran bezeichnet. Auch Begriffe wie Tora, Talmud oder Tanach mussten in ganzen Sitzungen erklärt werden.

Das schreibe ich hier nicht, um meine Überlegenheit darzustellen, um die Dummheit von Studenten/innen herauszustellen oder Kulturpessimismus zu betreiben. Der einzige Punkt dieses Textes soll es sein darzustellen, wie schlecht es um das Wissen der meisten Menschen bezüglich der meisten Religionen bestellt ist. Es scheint bigott, von der Verteidigung des „christlichen Abendlandes“ zu sprechen, wenn nicht einmal Menschen, die später den Kindern in der Schule Wissen über Religion beibringen sollen, auch nur ansatzweise darüber bescheid wissen.

Wenn jetzt jemand behauptet, dies sei ein zu kleiner Ausschnitt und vielleicht hätte ich einfach eine schlecht unterrichtete Gruppe von Studentinnen erwischt, gehe der- oder diejenige einfach einmal auf die Straße und befrage Menschen zu ihrem Wissen über Religionen. Und lasse sich dabei gehörig überraschen.