Das Problem der Unparteilichkeit der Politik

Gestern hatte ich eine sehr interessante Diskussion mit einem bisher Unbekannten. Wir unterhielten uns durch den Zufall der weltlichen Interaktionen zusammengeführt über Philosophie, Platos Staatslehre, aktuelle Politik und die Probleme, die sich ergeben. Er war ein recht junger Mann, 21 Jahre, und wünschte sich im Grunde für die politisch aktiven Menschen, dass sie (a) philosophisch gebildet, (b) moralisch integer und (c) zusammen die Geschicke der Welt leiten, aber in keiner Weise davon profitieren können. Ihm war – verständlicherweise – Unparteilichkeit ein großes Anliegen, da es ein allgemeines Problem ist, dass Politiker/innen häufig direkt von ihren Entscheidungen profitieren. Sei es durch Verwandte und Freunde, die dadurch in ihrem Beruf erfolgreicher sind, oder durch Entscheidungen, die ihnen in der Branche, in der sie später tätig werden, helfen.

Abgesehen von grundsätzlichen Problemen, dass nur Philosophen berechtigt sein sollen, an einer Regierung teilzuhaben – das müsste eine Diskussion der platonischen Philosophie werden – halte ich die Unparteilichkeit ebenfalls für ein Problem. Die menschliche Wahrnehmung hindert uns daran, Dinge außerhalb unseres Blickradius in den Fokus zu rücken. So würde zwar die Unparteilichkeit von Politiker/innen sicherstellen, dass die Menschen nicht egoistisch entscheiden, jedoch ergäbe sich dadurch das Problem, dass sie auch die Sorgen und Lebenswelten der anderen Menschen nicht im Blick hätten. Sie würden das Leben der Töpfer, Schuhmacher, Rechtsanwälte, Musiker, Gartenpfleger, Ärzte, Krankenschwestern und vielen anderen mehr gar nicht mehr kennen und könnten so gar nicht berücksichtigen, was sinnvoll und hinnehmbar wäre. Zudem wäre dadurch, dass diese Menschen nicht betroffen wären, der Kaltherzigkeit Vorschub geleistet. Selbst kluge und moralisch integre Menschen können Entscheidungen treffen, die nur technokratisch und ohne Rücksicht auf das Leben anderer Menschen sind.

Dies ist vergleichbar mit dem – wie ich es nenne – Soziologendilemma. Soziologen/innen werden nach einigen Schulen dazu aufgefordert, Gesellschaften und Kulturen nur von außen zu betrachten und zu beschreiben. Dieser Ansatz soll sicherstellen, dass sie nicht durch ihre Interaktion die Beschreibung verfälschen oder gar die Gesellschaft verändern. Es gilt der Anspruch der Objektivität. Allerdings gibt es andere Schulen, die diese Idee verwerfen und postulieren, bestimmte Aspekte einer Gesellschaft könnten nur von innen heraus beobachtet werden. Das bedeutet für die Soziologen/innen, dass sie zwingend in die Gesellschaft eindringen müssen, statt nur zu beobachten. Jürgen Habermas stellt sogar fest, dass wir immer Teil irgendeiner Gesellschaft sind und daher gar nicht objektiv beobachten könnten. Ein Soziologe, der glaubte, eine Gesellschaft beobachten zu können, ohne mit ihr zu interagieren, sei eine Fehlannahme. (Wenn ich mich recht entsinne stammt diese Aussage aus Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus, ich kann mich allerdings auch irren.) Insofern muss der/die Soziologe/in Teil der Gesellschaft sein, allerdings muss er von seiner eigenen Position so weit wie möglich abstrahieren können.

Natürlich sind auch Parteilichkeit, Lobbyismus und Vetternwirtschaft ein großes Problem der aktuellen Politik überall auf der Welt. Grundsätzlich wäre es gut, wenn dies einen weiteren Rückgang erfahren würde. Auf der anderen Seite sollten wir beachten, dass Menschen Menschen bleiben dürfen und mit der Gesellschaft verflochten bleiben. Einerseits, um ihnen Menschlichkeit zuzugestehen, andererseits, um kaltherzige, uninformierte Entscheidungen zu verhindern.

Das Phänomen der Bullshit-Jobs

Mein erster Beitrag im Jahr 2016 hier soll einerseits endlich mal das längere Bloggen wieder einführen, sofern ich es schaffe. Zum zweiten soll er sich einem Thema widmen, das ich noch aus dem alten Jahr mitgenommen habe, das mich dort lange beschäftigt hat und das ich bis heute ständig durchdenke. Es gewinnt immer weiter an Aktualität und wird von verschiedenen Trends flankiert.

David Graeber ist ein Anarchist, der aber gleichzeitig wissenschaftliche Kulturanthropologie, Soziologie, Philosophie sowie ökonomische Theorie betreibt. Zumindest irgendwas dazwischen. Mit seinem Buch Schulden, die ersten 5000 Jahre (KEIN Affiliate Link) bin ich noch nicht ganz fertig, doch es beschäftigt sich mit der Frage, inwieweit Schulden mehr sind als ein System, um Zahlungsfähigkeit in einem kapitalistischen System herzustellen. Graeber versucht vielmehr herauszuarbeiten, wie Schulden immer wieder als Herrschaftsinstrument gebraucht wurden und es auch noch heute so ist.

Weiterhin hat er aber auch noch ein anderes Thema, an dem er arbeitet: Arbeitskraft, ein klassisches Thema der kritischen ökonomischen Theorie nach den Kommunisten, Sozialisten, Syndikalisten und Anarchisten des 19. Jahrhunderts. Dabei postuliert Graeber, dass unsere heutige Produktivität allein ausreichen würde, dass wir deutlich weniger arbeiten müssen. Wir könnten uns viel mehr mit Kultur und Kunst beschäftigen, wir haben darauf hingearbeitet – und doch arbeiten wir gar nicht weniger, sondern z.T. mehr. Das sollte gerade im Kapitalismus eigentlich nicht passieren, denn eigentlich sollte dieser immer mehr Effizienz anstreben und Angestellte entlassen, die für die Produktion (oder sonstige Prozesse) nicht mehr notwendig sind.

Zudem analysiert Graeber, dass eine Menge der Jobs, die geschaffen wurden, nicht wirklich notwendig sind. Natürlich nicht vom hohen Ross eines Akademikers aus, sondern soweit seine Erfahrung reicht, haben viele Menschen selbst das Gefühl, ihr Job sei unnötig. Ja, es geht sogar um das Gefühl, dass die Menschen glauben, ihre Arbeitsstelle sollte gar nicht existieren. Das ist natürlich hartes Brot.

Natürlich bietet er dafür Gründe an, die kann mensch hier in einem Aufsatz im Strikemag angedeutet nachlesen. Ich möchte aber hinzufügen, dass die Entwicklung auch damit zu tun hat, dass die Idee eines sinnvollen Lebens lange Zeit schon mit dem der Arbeitstätigkeit verbunden ist. Einerseits Erwerbsarbeit, die den Lebensunterhalt sichert, und andererseits einfach Tätigkeit als Gegensatz von Untätigkeit. Der handelnde Mensch wird als guter Mensch wahrgenommen.
Daraus resultiert aber auch die Einrichtung der Gesellschaft: Um einen ehrenvollen Platz darin zu ergattern, erwarten die meisten Menschen, dass jemand arbeitet, der/die es auch leisten kann. Der Lebensunterhalt darf nicht einfach so hingenommen werden, er muss im Schweiße des Angesichts erarbeitet werden. Wir kennen keine gesellschaftliche Ordnung, in der Arbeit nicht die tägliche Beschäftigung ist. Und wenn sie nicht selbst gewollt ist, sondern ein Mensch sich Befehlen unterordnet und Opfer bringt, wird dies z.T. sogar noch als ehrenvoller angesehen. Menschen, die mit etwas Geld verdienen, was ihnen Spaß macht, sei es Kunst oder Kultur, werden zwar verehrt, aber es wird nicht als Arbeit wahrgenommen. Es wird von Teilen der Menschen nicht einmal als mühevoll wahrgenommen.

Graeber analysiert dies also als eines der Probleme der modernen postindustriellen Gesellschaften, doch bietet er keine Lösung. Dies fehlt mir, doch ich hoffe auf weiteren Input – Ideen wie das bedingungslose Grundeinkommen könnten ein Lösungsansatz sein.