Schnellschuss: Sich selbst lieben

Ein Tweet hat mich zum Nachdenken angeregt:

Liebe hat viele Facetten. Das „sich selbst Lieben“ beginnt dabei mit Nachsicht sich selbst gegenüber. Das bedeutet nicht einfach, sich gehen zu lassen, sondern trotz eigenem Anspruch sich auch einmal Fehler zuzugestehen. Sich selbst ein wenig Imperfektion zu erlauben, zu akzeptieren, dass mensch nicht immer alles richtig machen kann, sogar nach den eigenen Maßstäben. Das bedeutet auch, sich äußerlich zu mögen, zu akzeptieren. Oder wenn nicht, den Arsch in der Hose zu haben, sich selbst so zu verändern, wie mensch sich haben will.

Außerdem kann mensch andere Facetten an sich „gut finden“ – wissen, dass mensch intelligent ist, dass mensch sich artikulieren kann, dass mensch vielleicht mit Tieren gut kommunizieren kann, dass mensch gut einen Baum fällen kann oder welche Fähigkeiten mensch eben hat. Das bedeutet, diese Fähigkeiten und Fertigkeiten erst einmal zu entdecken und sich damit selbst wertschätzen. Dabei ist das keine Abwertung anderer, sondern eine positive Bejahung der eigenen Selbstheit. Dann kann auch eine positive Akzeptanz anderer geschehen, die andere Qualitäten vorweisen.

Der ominöse „gesunde Menschenverstand“

Da ich mal wieder eine Rechtskolumne lese, begegnet mir wieder einmal der Begriff gesunder Menschenverstand, den ich zum einen gern mag, aber zum anderen für völlig unbrauchbar in manchen Zusammenhängen halte. Er enthält alles und nichts; nämlich immer das, was der Aussprechende mit seiner Aussage glaubt zu meinen, und das, was der Hörer/Leser glaubt darunter zu verstehen. Gesunder Menschenverstand ist als Begriff (also Wort) und Konzept (also Tatsache und Handlung) nicht klar greifbar und deshalb hilft es uns im menschlichen Zusammenleben selten, darauf zu verweisen. Er ist nicht nur kulturell, sondern auch individuell völlig unterschiedlich.

Ein Gespräch mit einem von mir geschätzten Menschen brachte jedoch eine Diskussion über genau darüber hervor. Und die Person meinte, dass wir uns durchaus sehr leicht und schnell auf einige Regeln einigen könnten – überall auf der Welt. Die Grundlage, auf die sich mein Gesprächspartner berief, waren die Zehn Gebote aus dem 2. Buch Mose.

Doch ich musste widersprechen. Schon allein am ersten Gebot scheitert es nämlich, darauf könnte sich absolut nicht die ganze Welt einigen:

Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus.
Du sollst neben mir keine anderen Götter haben.

Fragt bitte einmal Anhänger der Religionen, abgesehen von Christentümern oder Judentümern, ob die sich nicht vielleicht davon überzeugen lassen könnten. Ich stelle mir das Verkaufsgespräch recht schwierig vor! Davon abgesehen gibt es genug andere Gebote (die im Übrigen häufig eher Verbote sind), die völlig unterschiedlich ausgelegt werden.

Nummer 2:

Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde.

Ja, nee, das mit den Darstellungen haben wir schon abgelegt, das machen wir ganz anders – abgesehen von gewissen kleinen christlichen Strömungen. Aber auch beim fünften Gebot wird es knifflig:

Du sollst nicht morden.

Die Einheitsübersetzung lautet:

Du sollst nicht töten.

Schon die Übersetzungsunterschiede zeigen, wie schwierig dort die Interpretation ist. Ist das Töten nicht erlaubt, oder nur der Mord nicht? Wo fängt Mord an? Rechtlich ist das klar zu definieren, aber es richtet sich doch nicht alles nach dem deutschen Strafrecht und der deutschen Definition des Wortes Mord. Ist Töten generell falsch? Es gibt irgendwie keine Spezifikation bei Notwehr – der gesunde Menschenverstand würde sie intuitiv hinzufügen, aber darf er das?

Außerdem gibt es kulturellen bzw. nationalen Unterschiede bei der Interpretation. Viele traditionellere Kulturen halten die Tötung als Strafe für gerecht und gar notwendig. Wie sollten sich denn z.B. Strafrechtler in den USA mit denen in Deutschland einigen? Oder andere Menschen, die nicht Strafrechtler sein? In den Vereinigten Staaten ist die Todesstrafe in den meisten Bundesstaaten Teil der Bestrafungsmethoden, auch wenn sie kontrovers gesehen wird.

Es ist jedoch wohl leicht ersichtlich, dass eine Einigung auf die Zehn Gebote als Grundlage des menschlichen Zusammenlebens nicht in Sicht steht, wenn schon fast ein Drittel auf der Welt sehr unterschiedlich gesehen wird. Ein Konsens darüber scheint auch gar nicht in Sicht, selbst wenn es eine weltweite Debatte darüber gäbe. Genauso verhält es sich vermutlich mit vielen Regeln des Zusammenlebens: Es gibt, wenn überhaupt, nur einen sehr sehr kleinen Kern von Grundregeln, auf den sich die ganze Menschheit einigen kann. Die Gedanken und die Gebräuche, die den Menschen z.T. selbst verständlich erscheinen, sind höchst konventionell und entsprechen keinem übergeordneten Gedankenmodell, das jedem einsichtig sein müsste, wenn er doch nur genug nachdächte. Deshalb ist der gesunde Menschenverstand in vieler Hinsicht eine nutzlose Phrase.