Das Phänomen der Bullshit-Jobs

Mein erster Beitrag im Jahr 2016 hier soll einerseits endlich mal das längere Bloggen wieder einführen, sofern ich es schaffe. Zum zweiten soll er sich einem Thema widmen, das ich noch aus dem alten Jahr mitgenommen habe, das mich dort lange beschäftigt hat und das ich bis heute ständig durchdenke. Es gewinnt immer weiter an Aktualität und wird von verschiedenen Trends flankiert.

David Graeber ist ein Anarchist, der aber gleichzeitig wissenschaftliche Kulturanthropologie, Soziologie, Philosophie sowie ökonomische Theorie betreibt. Zumindest irgendwas dazwischen. Mit seinem Buch Schulden, die ersten 5000 Jahre (KEIN Affiliate Link) bin ich noch nicht ganz fertig, doch es beschäftigt sich mit der Frage, inwieweit Schulden mehr sind als ein System, um Zahlungsfähigkeit in einem kapitalistischen System herzustellen. Graeber versucht vielmehr herauszuarbeiten, wie Schulden immer wieder als Herrschaftsinstrument gebraucht wurden und es auch noch heute so ist.

Weiterhin hat er aber auch noch ein anderes Thema, an dem er arbeitet: Arbeitskraft, ein klassisches Thema der kritischen ökonomischen Theorie nach den Kommunisten, Sozialisten, Syndikalisten und Anarchisten des 19. Jahrhunderts. Dabei postuliert Graeber, dass unsere heutige Produktivität allein ausreichen würde, dass wir deutlich weniger arbeiten müssen. Wir könnten uns viel mehr mit Kultur und Kunst beschäftigen, wir haben darauf hingearbeitet – und doch arbeiten wir gar nicht weniger, sondern z.T. mehr. Das sollte gerade im Kapitalismus eigentlich nicht passieren, denn eigentlich sollte dieser immer mehr Effizienz anstreben und Angestellte entlassen, die für die Produktion (oder sonstige Prozesse) nicht mehr notwendig sind.

Zudem analysiert Graeber, dass eine Menge der Jobs, die geschaffen wurden, nicht wirklich notwendig sind. Natürlich nicht vom hohen Ross eines Akademikers aus, sondern soweit seine Erfahrung reicht, haben viele Menschen selbst das Gefühl, ihr Job sei unnötig. Ja, es geht sogar um das Gefühl, dass die Menschen glauben, ihre Arbeitsstelle sollte gar nicht existieren. Das ist natürlich hartes Brot.

Natürlich bietet er dafür Gründe an, die kann mensch hier in einem Aufsatz im Strikemag angedeutet nachlesen. Ich möchte aber hinzufügen, dass die Entwicklung auch damit zu tun hat, dass die Idee eines sinnvollen Lebens lange Zeit schon mit dem der Arbeitstätigkeit verbunden ist. Einerseits Erwerbsarbeit, die den Lebensunterhalt sichert, und andererseits einfach Tätigkeit als Gegensatz von Untätigkeit. Der handelnde Mensch wird als guter Mensch wahrgenommen.
Daraus resultiert aber auch die Einrichtung der Gesellschaft: Um einen ehrenvollen Platz darin zu ergattern, erwarten die meisten Menschen, dass jemand arbeitet, der/die es auch leisten kann. Der Lebensunterhalt darf nicht einfach so hingenommen werden, er muss im Schweiße des Angesichts erarbeitet werden. Wir kennen keine gesellschaftliche Ordnung, in der Arbeit nicht die tägliche Beschäftigung ist. Und wenn sie nicht selbst gewollt ist, sondern ein Mensch sich Befehlen unterordnet und Opfer bringt, wird dies z.T. sogar noch als ehrenvoller angesehen. Menschen, die mit etwas Geld verdienen, was ihnen Spaß macht, sei es Kunst oder Kultur, werden zwar verehrt, aber es wird nicht als Arbeit wahrgenommen. Es wird von Teilen der Menschen nicht einmal als mühevoll wahrgenommen.

Graeber analysiert dies also als eines der Probleme der modernen postindustriellen Gesellschaften, doch bietet er keine Lösung. Dies fehlt mir, doch ich hoffe auf weiteren Input – Ideen wie das bedingungslose Grundeinkommen könnten ein Lösungsansatz sein.

Marx als Anarchist

Ich beschäftigte mich vor einiger Zeit etwas verstärkter mit Marx, da es in meinen wissenschaftlichen Arbeiten an der Uni auch um Legitimation des Staates geht. Dabei fasste ich einen Gedanken, dass Marx nach seinen frühen Schriften1 konsequenterweise statt zum Staatskommunismus zu einem Anarchismus neigen müsste. Es geht ihm um die Freiheit des Individuums von jeglicher Herrschaft, denn er kritisiert in der Kritik des Kapitals nicht nur das System des Geldes an sich, sondern die Bestimmung des Individuums durch den fremden Faktor des Marktes. Niemand kann seine eigene Arbeit bestimmen, denn die bestimmt der Markt (und mit dem Instrument der Herrschaft: der Kapitalist, der sein Arbeitgeber ist). Wenn es aber um Freiheit von Herrschaft geht, müsste es, wie gesagt, konsequenterweise in einen Anarchismus münden. Spannenderweise hat mich jemand auf einen Aufsatz von Maximilien Rubel hingewiesen, der genau diese These unterstützt. Daraus:

Der realistischen Moral Proudhons, der die „gute Seite“ der bürgerlichen Institution zu retten sucht, setzt Marx die Ethik einer Utopie entgegen, deren Forderungen von den Möglichkeiten abhängen, die die genügend entwickelte Wissenschaft und Technik bieten, um von nun an die materiellen Bedürfnisse der Menschengattung zu befriedigen. Einem Anarchismus, der die Pluralität der Klassen und sozialen Kategorien bejaht und die Arbeitsteilung ebenso preist wie er die von den Utopisten propagierte Assoziation befeindet, setzt Marx einen die sozialen Klassen und die Arbeitsteilung verneinenden Anarchismus entgegen, einen Kommunismus, der alles das zu seiner Sache macht, was im utopischen Sozialismus von einem modernen, seiner emanzipatorischen Rolle und seiner Rolle als Herr der Produktivkräfte bewußten Proletariat realisiert werden könnte.

[…]

Wir erinnern uns dieser elementaren Wahrheiten der sogenannten materialistischen Geschichtsauffassung mit ganz besonderer Dringlichkeit, weil die mit der russischen Revolution 1917 entstandene marxistische Mythologie wenig informierten Gemütern — und diese bilden die Legion — ein ganz anderes Bild des revolutionären Prozesses vermitteln konnte: die Menschheit sei in zwei Systeme der Ökonomie und Politik geteilt, nämlich in die von den ökonomisch entwickelten Ländern beherrschte Welt und in die sozialistische Welt, deren Modell UdSSR dank einer proletarischen Revolution den Rang einer großen industriellen Macht erreicht habe. In Wirklichkeit ist die Industrialisierung des Landes der Schaffung und Ausbeutung eines ungeheuren Proletariats zu danken und nicht dem Sieg und der Abschaffung desselben. Die Fiktion einer „Diktatur des Proletariats“ ist Teil des Gedankenarsenals, welches die neuen Herren im Interesse ihrer eigenen Macht glaubhaft zu machen versuchten. Sechs Jahrzehnte nationalistischer und militärischer Barbarei lassen uns diese vergangenen und gegenwärtigen Mißgeschicke der universellen, marxistischen oder nicht-marxistischen Intelligenz verstehen, unter denen der Mythos der Oktoberrevolution großen Raum einnimmt.

Man wies mich auch auf das Kommunistische Manifest hin, das scheinbar nicht in diese Linie des Anarchismus passe. Ich kenne es bisher nicht, werde es als nächstes lesen, doch eine Passage wird im oben genannten Aufsatz erwähnt:

An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist. (MEW, Bd. 4, 5. 482)

Mir scheint auch das die These zu stützen, dass Marx in der Konsequenz zu einem Anarchismus gelangen müsste. Einen anderen Schluss lassen diese Indizien kaum zu, wenn Marx offensichtlich gegen Klassengegensätze ist. Dann ist eine „Diktatur des Proletariats“ oder ähnliche Vorgänge im 20. Jahrhundert mit Verstaatlichung sowie Einparteien-Politik gar nicht in seinem Sinne. Ihm schwebt vielmehr die „freie Entwicklung aller“ und etwas, das keine „Klassen und Klassengegensätze“ beinhaltet, vor.

Eine weitere Analyse steht aus, sobald ich die Zeit dafür einräume. Momentan stehen andere Projekte an.